Dienen

"Ich dienen? Aber bitte ohne mich!"


Habe in letzter Zeit den Eindruck, dass sich in unserer "Servicewueste" etwas bewegt. Nach dem haeufigen Vorkommen des Begriffs "Service" (neudeutsch fuer "Dienst") zu urteilen, muessten wir eigentlich in einem Serviceparadies leben: Service-Partner bieten uns einen Leser-Service, Anzeigen-Service, Reservierungs-Service, Abo-Service, Verbraucher-Service, Urlaubs-Service, Ticket-Service, Festival-Service, bei Bedarf auch einen Seitensprung-Service oder einen Anwalt-Service an, und zwar entweder als Full-Service oder als Online-Service, in jedem Falle in Service-Qualitaet. Dass nicht alles Gold ist, was glaenzt, wird uns immer wieder in zahlreichen Publikationen zum Thema Servicewueste Deutschland vorgefuehrt.

Bei einem "Dienstleistungskongress" sagte debis-Chef Klaus Mangold im Zusammenhang damit, dass in Deutschland eine entwickelte Dienstleistungskultur fehle: "Wir haben Schwierigkeiten, uns bedienen zu lassen geschweige denn, anderen als unseren Maschinen zu dienen."

Dienen - etwas fuer Dumme?

Auch wenn "Service" vielleicht freundlicher oder zeitgemaesser klingt als "Dienst" oder gar "Dienstleistung": Das Problem sind nicht die Begriffe, sondern die dahinter stehende (oder fehlende) Haltung! Dienen "ist in wertegewandelten und individualistisch ausgerichteten Gesellschaften wie in Deutschland eindeutig negativ belegt und eng mit dem Begriff der Unterwerfung verbunden. Demut und Dienst am Naechsten - zwei klassische Werte der christlichen Heilslehre - haben in einer aufgeklaerten und saekularisierten Lebensumwelt einen faden bis bitteren Beigeschmack und sind mehr oder weniger geaechtet. Dienste leisten wird dadurch zu einer Beschaeftigung fuer Dumme oder Heilige, aber nichts fuer Macher und Manager." Wenn Werte wie Demut und Dienstbereitschaft nicht hoch im Kurs stehen, sondern vielmehr mit einem milden Laecheln als antiquiert abgestempelt werden, dann hat das nicht nur Folgen fuer ein Land als Wirtschaftsstandort, sondern fuer das Leben ueberhaupt: Zuerst kommt die Servicewueste, spaeter wird die Gesellschaft selbst zur Wueste; denn Demut ist nichts anderes als der Mut zu dienen. Wo es zum "Dienst nach Vorschrift" kommt, wird die zwischenmenschliche Beziehung zum vertraglich geregelten Geschaeft degradiert. Dass es ueberhaupt so weit gekommen ist, haengt u. a. sicher damit zusammen, dass uns als modernen Menschen Vorbilder gelebter Menschlichkeit fehlen. An klugen Buechern und beeindruckenden Reden mangelt es nicht, wohl aber an Mut, wirklich zu dienen. Sehr treffend hat es Paul Toaspern formuliert: "Dienen laesst sich schwer in Worte fassen, aber ablesen am gelebten Leben. Worte koennen Glaubwuerdigkeit fordern. " Auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen", dies auch tagein tagaus praktizierte.

Menschen zu dienen bedeutet nicht, dass man sklavisch verrichtet, was sie von einem erwarten. Nur der kann letztlich einem anderen einen guten Dienst erweisen, der eine eigene UEberzeugung hat und sie auch vertritt. Echter Dienst beginnt da, wo man bereit ist, den anderen zu verstehen, sich mit ihm auf eine Stufe zu stellen, wodurch ein Dialog und das gegenseitige Verstehen ermoeglicht werden.